Lutz Hagestedt
Philipp Steiners Dissertation Die Suche der Kritik. Uwe Johnson als Intellektueller in den langen 1960er Jahren untersucht Johnsons Rolle als Intellektueller im literarischen Feld der frühen Bundesrepublik und im deutsch-deutschen Systemkonflikt. Steiner stützt sich auf aktuelle Intellektuellendefinitionen (u. a. Gallus, Reckwitz) sowie Bourdieus Feldtheorie, um Johnsons Positionierung anhand zentraler Stationen nachzuzeichnen: der Auseinandersetzung mit Hermann Kesten, der Fernsehkritiken im Tagesspiegel und eines bislang unbeachteten Vortrags in Yale 1967. Ein großes Verdienst der Arbeit ist die Einbindung von bisher unveröffentlichtem Archivmaterial, das jedoch leider mehr nur präsentiert denn interpretiert wird. Im Ergebnis deutet Steiner Johnson als politisch »neutral«, statt seine differenzierte Positionierung bzw. gezielte Nicht-Positionierung erschöpfend zu ergründen. Gleichwohl handelt sich bei Steiners Studie um einen ersten umfassenden Versuch, Johnsons komplexes Verhältnis zu Kritik, Protest und intellektueller Unabhängigkeit systematisch zu erschließen.