Roger Frie
Dieser Beitrag untersucht die langfristigen Folgen des kanadischen Indian-Residential-School-Systems aus der Perspektive des sozialen Traumas. Auf Grundlage von Archivmaterial, Zeug*innenberichten und Untersuchungen zu namenlosen Gräbern wird nachgezeichnet, wie Zwangsassimilation, systematische Gewalt und die Auslöschung indigener Identität nachhaltige psychische, familiäre und kollektive Verletzungen hervorgebracht haben. Diese Praktiken werden als miteinander verflochtene Instrumente staatlicher Kontrolle analysiert, die Verwandtschaftsbeziehungen, Sprache und kulturelle Kontinuität zerstörten. Der Beitrag argumentiert, dass das daraus resultierende Trauma kumulativ, transgenerational und in gegenwärtige Ungleichheitsstrukturen eingebettet ist. In Auseinandersetzung mit der Truth and Reconciliation Commission von 2015 und der National Inquiry von 2019 wird gezeigt, dass der Begriff des sozialen Traumas die kollektive und strukturelle Dimension dieser Gewalt präziser erfasst als klinische oder individualisierende Traumakonzeptionen.