Reinert Johannes
Die schriftliche Textwiedergabe gilt als hochst bedeutsam fur das Leseverstehen. Gleichzeitig ist sie von auserordentlicher Komplexitat. Gerade die von PISA herausgestellten Schwierigkeiten vieler Schuler mit textreproduzierenden Aufgaben zeigen hier besonderen Forderbedarf an. Dennoch ist uber den Unterricht mit einer geradezu klassischen Form der Wiedergabe wenig bekannt: Diese Arbeit schliest die Forschungslucke und untersucht erstmals Unterrichtsalltag mit der Inhaltsangabe. Im Rahmen einer qualitativen Studie zeigt sich, dass die Anforderungen der Textform zueinander in einem Spannungsverhaltnis stehen. Dieses wird im Unterricht jedoch einseitig aufgelost. Als neuralgischer Punkt der Untersuchungen erweist sich die Fokussierung der Akteure auf die sprachlich-formale Ebene und die Vernachlassigung der heuristischen Dimension. So wird die Diskrepanz zwischen der traditionellen, stark normierten Inhaltsangabe und dem Versuch der Kommunikationsorientierung im Unterricht nicht uberbruckt. Aufgrund einer fehlenden funktionalen Einbettung des Schreibens verbindet sich bei den Akteuren infolgedessen eine Orientierungslosigkeit im Grosen mit einer Orientierung an schlichten sprachlichen Regeln im Kleinen. Deutlich wird somit, dass nicht das Anforderungsprofil der Inhaltsangabe per se, sondern der unreflektierte Umgang mit den grundsatzlichen Spannungen der Textform zu den Schwierigkeiten der Schuler fuhrt.